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Theoretischer Exkurs V:

die Erkenntnis anstatt dem Glauben
Lass mich nun noch einmal zurückkommen zu dem Wort “Spiritualität”.
Ich definiere dieses Wort nicht, zumindest nicht so, wie es in einem Wörterbuch gemacht wird. Es ist mir gelungen, dieses Wort in ein Schema aufzunehmen, und jetzt kann und darf ich es verwenden. Nebenbei und unbeabsichtigt, nur in einem Ergänzungsversuch, wie beim Puzzeln, gelang mir Ähnliches auch mit dem Wort “Gott”. Ich gehe hier ähnlich vor, wie Theoretische−Physiker es tun würden. Definitionen sind eher Anliegen eines Philosophen; Physiker sind da nicht so anspruchsvoll. Als Physiker verwendet man ein Konzept, man bedient sich seiner. Und das kann man tun, wenn man es in ein Schema eingeordnet hat. Um ein Konzept anwenden zu können, ist es nicht unbedingt nötig, zu wissen, was es genau ist. Was es eigentlich ist, ist fruchtbares Feld fü Spekulationen uns Philosophien, jedoch um es zu verwenden, reicht es zu wissen, wie man mathematisch “entstanden” ist. Wir haben ausreichende Beispiele in der Theoretischen-Physik über diese Fortgehensweise.

Erkennen versus Glauben
In der Mathematik ist beispielsweise klar, was 1 ist, was 2 ist, was 3 ist und so weiter. Später ist man auf die Notwendigkeit gestoßen (denke man z.B. an die Bedürfnis fünf minus sieben, gleich? eine Antwort zu geben), diese Zahlenfolge auch in die andere Richtung fortzusetzen, und so erhielt man die negativen Zahlen −1, −2, −3,…
Nun merkte man, dass hier etwas fehlte. Beim Übergang von den negativen zu den positiven Zahlen —oder umgekehrt— fehlte ein Zeichen. Und man nannte dieses: Null. Es bestand keine Notwendigkeit, zu erklären bzw. zu definieren, was es ist. Aber woran hatte man erkannt, dass etwas fehlte? Eben, weil man jetzt sagen konnte: 1−1 = 0 oder 2−2 = 0 etc. Ohne die Null hätte man hier nichts schreiben können, also fehlte eine Zahl. Wobei die Null streng genommen keine (g. natürliche) Zahl ist; sondern einfach ein Zeichen, das wir im übertragenen Sinn “Zahl” nennen.
Man konnte nun die Null also in ein Schema, in eine Darstellung integrieren und nutzen, ohne sie definieren zu müssen. Ähnlich habe ich es mit dem Wort “Spiritualität” gemacht. Und dabei gelang es mir außerdem, das über das Wort “Gott” zu integrieren, damit etwas über diesen Bergriff anzudeuten.
Ein Philosoph wäre damit anders umgegangen: Er hätte wahrscheinlich das Konzept “Nichts” als Zahl dargestellt und “0 = Nichts” definiert. Ein Religionslehrer hätte die Existenz Gottes postuliert und den Glauben an Ihn verlangt —genauso wie es ihm in seiner Kindheit abverlangt wurde.
Ein besseres Beispiel ist die imaginäre “Zahl” i. Wenn man gerade Wurzeln berechnet, nämlich: V‾‾,V‾‾(V‾‾),…, scheitert man an den negativen Zahlen. Es gibt nämlich keine Zahl, die mit sich selbst multipliziert eine negative Zahl ergibt. Hier kann man also erkennen, dass hier etwas fehlt. Um das Schema zu ergänzen, führten die Mathematiker lediglich das Symbol “i” ein (i steht für V‾‾(−1), wobei man eigentlich nicht weiß, was das ist, denn es gibt keine Wurzel von −1) und verwendeten dieses Symbol weiterhin, als ob es eine Zahl wäre. Hier kann man nicht mehr mit Worten erklären: “i ist…”, wie wir beispielweise sagen können: “0 ist Nichts”. Es gibt keine Möglichkeit des Vergleiches.
Im Allgemeinen ist eine “imaginäre Zahl” eine Zahl, deren Quadrat eine negative reelle Zahl ist. Diese Bezeichnung wurde von Gerolamo Cardano im 16.Jahrhundert geprägt. Seiner Ansicht nach konnten solche Zahlen nicht tatsächlich existieren, sondern mussten “imaginär” (eingebildet) sein.
Glaubt ein Mathematiker an die “imaginären Zahlen”? Sicherlich würde ein Mathematiker erwidern: What's the point with this question? Was mag diese dumme Frage eigentlich sein? Es geht hier nicht um Glauben, das ist nicht nötig. Es handelt sich nicht um eine Frage des Glaubens. Worum es hier geht, das ist Folgendes: Es ist es notwendig um ein (hier mathematisches) Schema zu ergänzen, und damit weiter rechnen zu können.